16. Januar 2018 Heute ankerte unser „Expeditionsschiff“ MS Hamburg vor Leticia einer kolumbianischen Dschungelstadt am oberen Amazonas zur Erforschung des Stammes der Huitoto-Indianer. Über zwei Stunden kämpften wir uns zu Fuß durch die dampfende Hölle eines fast undurchdringlichen Dschungels der teilweise knietief unter Wasser stand. Obwohl wir gewarnt waren, Dschungel-Pflanzen nicht anzufassen, griff ich nach dem Stiel eines vermeintlichen Palmblattes um mich aus einem Schlammloch heraus zu ziehen. Das Ergebnis war, als hätte ich einen Seeigel in der Hand zerdrückt. Hunderte kleiner Stacheln mit winzigen Widerhäkchen in meiner linken Handfläche, die wohl langsam heraus eitern werden. Unerträglich auch die vielen Krabbeltiere, die dauernd durch alle Kleideröffnungen eindrangen. In den Hosenbeinen zwickten Ameisen und die unbedeckten Körperteile waren das Ziel äußerst stechwütiger Fluginsekten. Etliche ältere Forscherkollegen waren den Strapazen nicht gewachsen und wieder umgekehrt, als ich endlich die fast bedrohlich klingenden Trommeln einer menschlichen Ansiedlung vernahm. Doch der Dorf-Schamane begrüßte uns sehr freundlich und lud uns sogleich ein an den Tanzritualen teilzunehmen.
Und plötzlich sah ich SIE. Inmitten einer Tanzgruppe. Schwarze, große, ausdrucksvolle Augen, schwarze, lange Haare. Meine leibgewordene Anima stand vor mir. Wir mussten uns in einem früheren Leben schon einmal begegnet sein, so heftig pochte mein Herz. Sie war einst mit ihren hohen Wangenknochen und den vollen Lippen bestimmt eine edle Inka- oder Azteken-Prinzessin. Auch sie, die wie in Trance zu tanzen schien, blickte immer öfter zu mir, als spürte sie, wie fasziniert ich von ihr war.

Beim Klang der dumpfen Trommeln, dem monotonen Gesang und dem Klirren der Muschelrasseln an den Füßen, wenn die Tänzer bei jedem Schritt auf den Boden stampften, kämpfte ich mit mir, nie mehr aufs Schiff zurück und der Zivilisation den Rücken zu kehren. Als sie dann kurz nach dem Tanz auf mich zueilte und mir lächelnd ein selbstgeflochtenes Freundschafts-Bändchen (aus welcher Naturfaser auch immer) um mein Handgelenk band,

stand für mich fest, ich hatte die Traumfrau meines Lebens gefunden und war bereit mein Leben mit ihr zu teilen. Sie schien die gleichen Gefühle zu hegen und begann mich ihrer Familie vorzustellen. Vielleicht werde ich als „weißer Huitoto“ glücklicher, als die „weiße Massai“ (Buch und Film über die Schweizerin, die aus Verliebtheit einen stolzen kenianischen Massai-Krieger heiratete) dachte ich noch, als sie im beißenden Rauch einer Feuerstelle mir freudestrahlend ein Baby präsentierte, welches auf dem nackten Lehmboden gelegen hatte. Während ich noch kurz überlegte, ob es ihr Kind oder ihr kleines Schwesterlein sei, kam ihre Mutter mit ihren nackten, mit weißen Federn beklebten Brüsten auf mich zu. Ich erschrak heftig, weil sie mich an meine verstorbene Schwiegermutter mit den immer herunter gezogenen Mundwinkeln erinnerte und wachte schlagartig aus meinem Jungforscher-Traum auf.

Komisch, woher kommt jetzt das Freundschafts-Bändchen an meinem Arm?
