Rio de Janeiro – Die „Copacabana“ bei Sturm für uns allein.

Kategorie: Brasilien | Süd-Amerika

Die in aller Welt berühmte Copacabana, der Strand der Schönen und Reichen und der sportlichen, Körperkultur beflissenen jungen Leute – wir sind hier leider nur das Gegenteil von allem. ;-(((

Eigentlich sind wir ja nur aus „Versehen“ hier in Rio de Janeiro. Die MS Hamburg war auf der Amazonasstrecke abwärts von Iquitos bis Belém ausgebucht und nur noch in der umgekehrten Richtung waren Plätze frei. Kurz entschlossen haben wir entschieden den Amazonas hoch zu fahren und in den zwei Wochen während die MS Hamburg den Amazonas abwärts fährt „selbstorganisiert“ die Städte Iquitos, Lima/Peru, Rio de Janeiro/Brasilien anzusehen um in Belém wieder an Bord des Kreuzfahrtschiffes zu gehen. Von der Amazonasmündung geht die Reise weiter über die Karibik-Inseln nach Cuba.

In den ersten zwei Sturmtagen an der Copacabana genossen wir völlig entspannt die Aussicht von unserm großen Hotelzimmer-Panoramafenster auf das wütenden Meer und den Strand mit den roten Schwimmverbot-Flaggen. Einige Verrückte hielten sich nicht daran und mussten von roten Rettungshubschraubern aus dem Meer gefischt werden.

Weniger entspannt waren unsere Spaziergänge an dem fast menschenleeren Strand (Titelfoto). Hatte man uns doch gewarnt, je weniger Menschen um einen herum sind, umso größer sei die Gefahr an Touristenorten – speziell die Copacabana – überfallen zu werden. Wir haben es trotzdem gewagt. Die Brandungsfischer am Ende der Bucht werden sich bestimmt gewundert haben wie oft wir ihre Nähe aufgesucht und uns überauffällig für ihren Fang interessierten.

Wir unternahmen bei dem für Rio selten so schlechtem Wetter auch eine Stadtführung. Beim Besuch des „Zuckerhuts“ hatten wir wahnsinnig Glück. Die Seilbahn ging geradewegs in die Wolken. Als wir aber oben standen, hob sich die Wolkendecke und wir blickten auf das wunderbare Panorama von Rio de Janeiro mit seinen zahlreichen Meeresbuchten.

Am dritten von fünf Tagen, welche wir für Rio eingeplant hatten schien wie selbstverständlich wieder die Sonne. Die ganze Copacabana mit ihrem weißen Sandstrand ließ sich von unserem Hotelfenster überblicken.

Schon am frühen Morgen füllte sich die Copacabana. Zudem war Wochenende. Weniger mit Schwimmern, sondern mit Sport- und Körperkulttreibenden aller Art. Überall auf der Welt traben zur frühen Stunde die Jogger durch die Gegend. Hier – kam mir vor – war ihre Kleidung auffälliger und bunter.

Komischerweise gab es viele Kopf- und Einbein-Steher, die sich für ihre sicherlich Konzentration fordernden Übungen ausgerechnet exponierte Orte, an denen sie nicht zu übersehen waren, aussuchten. Die asketisch aussehende, junge Dame im folgenden Foto rechts hörte auch nicht auf mit ihren Zeitlupentanz-Bewegungen, ab und zu unterbrochen durch hektische Zuckungen, als sich ein Liebespaar direkt hinter ihr niederließ. Leider ist mir bei diesem Foto so ein Copacabana-typischer-Tanga-Popo mit auf das Bild geraten. Entschuldigung, es ist mir wirklich ganz versehentlich passiert.

Bei unseren Strandspaziergängen gab es noch eine Gruppe, ich würde sagen „harmlose Spinner“, obwohl der Spiderman sehr bedrohlich mit seiner Machete vor mir herum fuchtelte. Diese Typen wollen durch ihr ausgefallenes Outfit Aufsehen erregen und forderten mich sogar zum Fotografieren auf. Andere junge Strandbesucher waren einfach nur fröhlich und luden uns doppelt und vielleicht dreimal so Alten zum Mitfeiern ein. Leider verstanden wir kein Wort von dem brasilianisch-portugiesischen Dialekt. Gelernt haben wir, dass das gemeinsame Lachen schon eine Völker- und Generationsverbindende Sprache ist.

Das wirklich Besondere aber an der Copacabana waren die vielen Musikgruppen, die uns kaum eine Nacht zu einem ruhigen Schlaf kommen ließen. Meistens waren es junge Leute, die sich in der Abenddämmerung spontan mit ihren Instrumenten trafen und stundenlang vor allem Samba-Musik übten oder spielten. Herrlich, wie die kleine, energiegeladene Frau (mit gemäßigtem! Tanga) ihren männlichen Mitspielern mit erhobener Pauke zeigte, wo es lang geht.

 

Daneben gab es auch andere Gruppen, die wie diese Nachfahren früherer Sklaven mit nachgebauten afrikanischen (Zupfstangen)-Instrumenten, ihren Gesängen und ihren imaginären Kampftänzen an ihre ursprüngliche Heimat erinnern.

Es gelang dieser Gruppe tatsächlich die gleiche Gänsehaut auf meinen Armen hervorzurufen, die ich bei einer Radtour durch Kenia hatte, als ich bei einem nächtlichen Tanzritual der Massai teilnehmen durfte.

  1. Januar Belém – Hotel der schweren Jungs und flotten Mädels

„Was ist denn da los?“ fragten wir uns unentwegt, nachdem uns der Taxifahrer nach dem Flug von Rio de Janeiro nach Belém an unserem Hotel absetzte. An den Eingangs-Glastüren waren zwei Boxer-Abbildungen angebracht und im Hotelfoyer standen junge Männer, die große Ähnlichkeiten mit Türstehern vor Diskotheken oder den Typen die tagsüber in Power-Houses trainieren.

Glänzende Glatzköpfe, verwegene Kinnbärte, tätowierte Muskelberge – wohin man sah. Erst am nächsten Morgen beim Frühstück, als wir uns trauten zwischen diesen kraftstrotzenden Fleischkolossen zu sitzen und ich meinen Nachbarn zu einem Armdicke-Vergleich aufforderte, erzählten sie mir begeistert, dass in Belém eine Woche lang ein internationales Treffen von MFC-Boxsportlern stattfindet. Einige hatten auch ihre „Puppen“ mitgebracht. Nachdem ich mich nützlich gemacht hatte, alle wechselseitig mit ihren eigenen Handys zu fotografieren, sollte ich auch von ihnen ein Abschiedsfoto in Paradeformation machen.

  1. Februar 2018 Durch die Amazonas-Mündung in den Atlantik

Die Sambaklänge, das Lachen und die Fröhlichkeit junger Menschen, kurzum das „freie, echte“ Leben in Rio ist längst vorbei. Wir sind zurück in der mimosenhaften, ernsten Welt unseres Altenheim-Dampfers. Hier herrscht vornehme Friedhofsstille. Ausnahme die Borkapelle, wenn sie Schneewalzer oder andere Musik aus den 50er Jahren spielt. Die meisten Gesichter sind schon scheintot. In den Fluren huschen vergeistigte Gestalten vorbei. Fehlt nur noch das gelispelte Hosiana. Lautes Unterhalten oder gar Lachen am Tisch gilt als Ruhestörung.

Nach den letzten Landgängen am Amazonas glaubte man in einem Lazarett-Schiff zu sein. Zusätzlich zu den schon vorhandenen Verletzten gab es frische Armgeschiente oder mit großen Pflastern versehene Amazonas-Überlebende. (Die Holzstege an denen die Tenderboote anlanden sind bei der hohen Luftfeuchtigkeit affenglatt.) Eigentlich sollte es auch eine Couch für seelisch Auffällige auf dem Kreuzfahrt-Schiff geben. Eine mittelalte Dame erleidet regelmäßig Zitterzustände und Schwindelgefühle, wenn an „ihrem“ 4 Sessel-Tisch, den sie mit einem Frühstücks-Kipfel-Teller und ein Glas Sprudel den ganzen Tag für sich reserviert hat, plötzlich andere Leute sitzen. Sie hält sich am Tisch fest und stammelt unentwegt: „Es geht mir gut, es ist gleich vorbei.“ Ihre taumelnden Bewegungen dauern dann so lange bis die Leute am Tisch geschockt aufstehen um ihr Platz zu machen und weggehen. Die Ärmste.

Am aller ärmsten sind die Reichen an Bord oder diejenigen, die sich durch ihr Geld definieren müssen. Keiner am Tisch nimmt entsprechend bewundernd zur Kenntnis, dass sie eine Suite gebucht haben, auch wenn sie dies bei jedem Abendessen wiederholen. Zur nächsten inneren Wertsteigerung wird ganz deutlich vor den Augen aller am Tisch ein nicht gefalteter 50 Euro-Schein dem nächstbesten Kellner überreicht. Klar, ich würde mich auch aufregen, dass die Schiffsleitung bisher nicht imstande sei auf einer der nächsten Karibik-Inseln einen Golfplatz zu organisieren.

Eigentlich darf ich nicht lästern. Es sind ganz liebe Leute. Sie bringen uns zum Abendessen einen Teller feinster Pralinen mit, die sie als Suite-Bucher als Betthupferle erhalten, während wir als „Under-Deck“-Leute nur ein kleines Schockoladen-Täfelchen vor dem Schlafengehen auf dem Kopfkissen vorfinden. Es sind auch informative, mitfühlsame Gesprächspartner. Sie waren schon auf allen Kontinenten mit Kreuzfahrtschiffen. Sie kennen alle Häfen der Welt. Sie wissen, welche Vorzüge welcher Luxusdampfer hat, die zur Zeit die Meere befahren und wo wir noch unbedingt hin sollten. Sie können nicht verstehen, dass wir „unorganisiert“ alleine Länder befahren und uns allen möglichen Gefahren aussetzen.

  1. Februar 2018  Äquatortaufe in der Amazonasmündung

Wir sind auf der zweiten Teilstrecke von Belém nach Port of Spain in Trinidad unterwegs, wie der nächste Kartenausschnitt zeigt:

Noch in der riesigen Amazonasmündung, dem „Mare dulce“ (so nannten die ersten Entdecker das Süßwassermeer, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass es von einem riesigen, breiten Fluss gespeist wird, dessen beide Ufer selten gleichzeitig zu sehen sind) überquerten wir den Äquator bei Macapá.

Plötzlich ertönte in den Bordlautsprechern eine tiefe Männerstimme. Es war Neptun, der sich mit seiner Frau Tetis und seinem Gefolge am Pool-Deck ankündigte, um uns schmutzige, unreine Erdenbürger nach einigen Prozeduren – z.B. Fisch auf den Mund küssen, den Tetis auf einem Teller einem entgegen hält (kleines Foto rechts oben) – unter Umständen für würdig hielt, in sein Reich einzudringen.

Im nächsten Foto vom Bordfotografen wird gezeigt,

wie eine der Meerjungfrauen im Gefolge Neptuns kontrolliert, ob ich mit meiner neuen Frisur würdig bin den Äquator zu passieren. Das wäre ja passabel gewesen. Aber als mir anschließend noch die „Olga von der Wolga“ im Dienste Neptuns als verkleidete Krankenschwester (rechts oben im Bild) zur Desinfizierung vom Erdenleben eine volle Ampulle Wodka in den Mund spritzte, bedauerte ich keine Kiemenatmung zu haben. Ein großer Teil vom Wodka war mir in die Lunge gelaufen. Ich dachte, ich ersticke und überlebe diese Äquatortaufe nicht. Jedenfalls werde ich es Olga niiiie verzeihen, obwohl sie mich lange umarmte, auf meinen Rücken klopfte und mich tröstend an ihre großen Herzen drückte.

So, genug vom Schiffstratsch. Zum Schluss noch eine Reise-Information: Wir sind nach einem sehr eindrucksvollen Besuch der „Teufelsinsel“ bei franz. Guyana (Ariane Raketen-Abschussbasis), wo Frankreich eine Strafkolonie über eineinhalb Jahrhunderte betrieb und es dort „Papillon“ (gleichnamiges, dramatisches Buch) gelang zu fliehen, auf der Weiterfahrt nach Trinidad & Tobago.

  • erika weibrich
    11. Februar 2018

    HERRLICH ! Was für eine “ vielfarbige“ Welt !!!

  • Jürgen Wulle
    6. März 2018

    Nachdem ich es als fake-news gehalten hatte, daß ihr tatsächlich auf so einem bekloppten Kreuzfahrtschiff geendet seid, habe ich inzwischen lieber von Andrea Wulf „ALEXANDER VON HUMBOLDT und die Erfindung der Natur“ gelesen und im Garten gearbeitet…
    Mit lieben Grüßen, Jürgen

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