Brasilien – Amazonas-Schiffs-Reise

Kategorie: Brasilien | Süd-Amerika

Wieder wird ein Jugendtraum wahr!

In meinem Bücherschrank befindet sich seit ewigen Zeiten ein großformatiger Bildband über den Amazonas. Als ich 1962, also vor 55 Jahren in der Schweiz – in meinem ersten Gesellenjahr als „Reprofotograph“ – in einer graphischen Kunstanstalt in Zürich die Fotos zu diesem Buch reproduzierte, hätte ich mir nie träumen lassen, einmal diesen geheimnisvollen, wasserreichsten und nach dem Nil den zweitlängsten Strom der Erde mit fast 7000 km Länge zu bereisen.

Als kleiner Bub, erinnere ich mich, schenkten mir meine Eltern jedes Jahr zu Weihnachten ein dickes „Universum“-Buch. Vergleichbar mit den heutigen GEO-Heften, deren spannende Beiträge aus aller Welt ich noch heute gerne lese. Damals jedenfalls verschlang ich die Berichte der ersten Amazonas-Forscher, ihre Begegnung mit den ansässigen, rechtsextrem fremdenfeindlichen Indianern, (heute sagt man political correct indigene Völker) die mit Giftpfeilen aus dem dichten Dschungelhinterhalt angriffen und die Köpfe ihrer Gegner zu Schrumpfköpfen „verarbeiteten“. Interessante Abhandlungen darüber sind nachzulesen unter diesen Links:  „Auf Kopfjägerpfaden“  und  „Schädelkult“ . Auch die Tierwelt mit den bissigen Piranhas-Fischen, den Pumas und Anaconda-Riesenschlangen war nicht gerade einladend für die ersten Entdecker. Wie gut, dass man heutzutage mit den modernen Reisemöglichkeiten all diese Gefahren nicht mehr fürchten muss. Dafür lauern noch heute im feuchtheißen Amazonasbecken ganz kleine, manchmal todbringende Tiere. Es sind Myriaden von Mücken. So viele Impfungen waren noch auf keiner Reise nötig und so viel Anti-Malaria-Chemie und Mückenschutzmittel hatten wir bisher noch nie im Reisegepäck.

Garantiert mückenfrei und in dieser Hinsicht ungefährlich, aber so spannend, dass man beinahe vergisst zu atmen, ist der Film FITZCARRALDO (anzuschauen in voller Kinofilmlänge mit einem Klick auf das folgende Foto). Er zeigt nicht nur herrliche Naturaufnahmen vom Amazonas-Gebiet und spannende Szenen mit den Amazonas-Indianern, er bietet auch einen historischen Einblick in das Leben der reichen Kautschukbarone, die sich aus Langeweile mitten im Dschungel ein großes Opernhaus errichteten um zeitgemäße Puccini-Opern anzuhören. Dieses noch heute mit Ensembles aus aller Welt spielenden Opernhaus in Manaus zu sehen, freue ich mich schon sehr.



Nachdem ihr jetzt erfahren habt, wo die neue Reise hin geht, kommt der Knaller: Auf dieser Reise gehen wir das erste Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Insgeheim sehe ich schon einige Freunde grinsen. Haben wir doch immer behauptet, dass solche Reisen für uns nie in Frage kommen. Diesem Angebot aber speziell für ADAC-Mitglieder mit der MS Hamburg auf eine zweimonatige Winterreise zu gehen, konnten wir nicht widerstehen.

Wie die folgende Karte zeigt beginnt unsere Schiffsreise mit der MS Hamburg in Brasilien in Belém im Mündungsgebiet des Amazonas am Atlantik und endet in Iquitos in Peru.

Damit ist die gesamte Reise noch nicht fertig. Bevor die ADAC-Schiffsreise von Belem durch die Karibik weitergeht, nehmen wir eine Auszeit vom reglementierten Schiffsleben und reisen wie früher „selbstorganisiert“ noch zwei Wochen, trotz diversen Warnungen vom auswärtigen Amt der BRD wegen Überfällen, durch Peru und Brasilien. Es scheint wirklich so, als ob wir ohne den berühmten Abenteuer-Kick auf unseren Reisen nicht auskommen.

Euch wünsche ich viele AHA-, Info- und Schmunzel-Kicks beim Klick auf die vielen Links im Rudis neuen Reise-Blog und zusätzlich zur Gesundheit ganz viele Glücks-Kicks im neuen Jahr

Rudi & Moni

PS.: Wir haben ein schwerwiegendes Problem. Monika hat erfahren, dass wir zum „Captains Dinner“ eingeladen sind. Man(n) braucht dazu ein weißes Hemd mit langen Ärmeln. Ich habe sowas nicht mitgenommen und glaube nicht, dass es im Amazonas-Dschungel so ein Hemd zu kaufen gibt. Kann mir ein Kreuzfahrt-Erfahrener sagen, ob ich jetzt von Bord muss oder sogar den gierigen Piranhas zum Frass vorgeworfen werde?

  1. Januar 2018 Start zu unserer ersten! Schiffs-Kreuzfahrt

„Lächeln“ befahl der Bordfotograf kurz nach dem Einchecken, obwohl ich völlig genervt war. Und so entstand das künstlichste Fotolächeln meines Lebens. Der Fotograf konnte ja nicht ahnen, dass wir so schnell wie möglich unsere Kabine aufsuchen wollten, weil wir vorher fünf Stunden in schweißtreibender Hitze durch den Amazonas-Mündungsort Belém geschlappt sind und dann eine volle Stunde im Sauna-Bus warten mussten, bis der sintflutartige Tropenregen ein bisschen nachließ um an Bord zu gehen. Meine neuen Lederslipper, die ich extra für den Bordgang auf so ein nobles Kreuzfahrt-Schiff angezogen hatte, quietschen vor Nässe. Sie waren völlig ungeeignet trockenen Fußes durch die knöcheltiefen Pfützen am Pier zu gelangen.

  1. Januar 2018 Das Desaster mit dem Camisa negra (Schwarzen Hemd)

Es ist früher eingetreten, als ich im ersten Blog befürchtet hatte. Schon am zweiten Abend um 19.00 fand ein GALA-Begrüßungs-Abendessen statt. Mit vorherigem persönlichen Empfang durch den Kapitän! Im letzten Moment lasen wir im Tagesprogramm: Kleidung festlich! Die Schiffs-Boutique machte aber erst um 21 Uhr auf.

Moni wühlte wieder und wieder meinen Koffer durch in der Hoffnung zwischen meiner bisher bewährten, legeren Reisekleidung etwas „festliches“ zu finden. Es gab aber nur ein Hemd mit langen Ärmeln und das war schwarz. Meine braunbeige, lange Hose passte dazu wie die Faust aufs Auge. Schließlich fand Monika meine lange hellblaue Seglerhose als geringstes Übel. Gestresst nach x-maligen Umziehen waren wir buchstäblich die „Letzten“, die vom Kapitän (rechts) und vom Kreuzfahrtdirektor (links) begrüßt wurden.

Monika meinte sich für meinen „unfestlichen“ Aufzug – ich kam mir in dieser vorherrschend weißen, schmuckbehangenen Glitzer-Gesellschaft in der Tat wie das bekannte schwarze Schaf mit meinem schwarzen Hemd vor – wegen mir bei dem jungen, smarten Schiffsdirektor entschuldigen zu müssen. Dieser antwortete ihr schlagfertig: „Wenn ihr „Gatte“ beim anstehenden Kapitäns-Dinner nicht mit einem weißen Hemd kommt, wird er ausgebootet und muss die Reise auf einem Amazonasdampfer fortsetzen.“

So einen typischen Dampfer und den für alle Amazonas-Mücken zugängigen Schlafsaal in dem es statt Betten nur Hängematten gibt hier im nächsten Foto.

Drückt mir die Daumen, dass ich beim nächsten Landgang in Santarém, der angeblich größten Stadt im Dschungel ein Modegeschäft finde. Spätestens in Manaus, wo es ein prächtiges Opernhaus gibt, werde ich bestimmt ein weißes Hemd mit langen Ärmeln samt Frack und Zylinder kaufen können, um den festlichen Kleidungs-Ansprüchen eines Kreuzfahrtschiffes gerecht zu werden.

Die spontanen Heilungen gewisser „Gehbehinderter“ auf der MS Hamburg:

Oh je, dachte ich, als wir das erste Mal unser Kreuzfahrtschiff in Augenschein nahmen. Das ist ja wie bei uns nebenan im Seniorenheim in Stuttgart. So viele alte (meist fettleibige) an Krücken gehende Passagiere. Monika und ich waren uns einig: Wenn wir uns so ächzend durch schmale Kabinentüren und Gänge zwängen müssen, dann ist endgültig Schluss mit Reisen.

Selbstverständlich halfen Monika und ich immer, wenn z.B. zur Mittagszeit die Aufzüge verstopft waren. Dann zerrten und zogen wir die reichlich mit vielen Pfunden beladenen über die Treppen zu den beiden Restaurant-Etagen. Kaum an der obersten Treppe angekommen, setzten die spontanen Wunderheilungen ein. Ihr glaubt es nicht wie wieselflink sie zum Büffet davon liefen und kraft ihrer Masse auch schon in der ersten Reihe waren. Stand man zufällig daneben und überlegte noch, welche leckeren Speisen den Bauch nicht noch rundlicher machen, konnte man von Glück reden nicht beide Krücken in die Hand gedrückt zu bekommen. Hatten sich die „Verhungernden“ den Teller randvoll beladen, schnappten sie sich von mir die Krücken wieder, klemmten beide unter einen Arm und gingen ohne Zeichen einer Behinderung zum nächsten freien Essplatz.

Solche Wunderheilungen kommen häufig auch bei Landgängen vor. Man möchte nicht glauben wie viele dieser „körperlich-behinderten“ Kreuzfahrt-Spezies sich zu Ausflügen anmelden, die selbst für völlig Gesunde manchmal eine Herausforderung sind.

Es beginnt damit, dass sie sich den bereits in mehreren Reihen wartenden Ausflüglern am Schiffs-Ausstieg nähern, mühselig langsam einen Fuß vor den anderen setzend, auf ihren Krücken daher schleppend. Gewohnt, dass man ihnen gleich eine Gasse frei macht, gelangen sie gleich in der ersten Reihe. Kommt dann das Signal zum Ausstieg, können sie plötzlich ungewöhnlich schnell zum wartenden Bus laufen oder quicklebendig in das Tender- oder Zodiac/Schlauchboot springen. Natürlich jeweils den besten Platz ergatternd. Olga, die vitale, russische Ausflug-Leiterin erzählte uns, dass sie immer wieder Passagiere, die am Schiff nur mit Krücken gingen auf Dschungelausflügen sah, wie sie im sumpfigen Boden auf schmalen Holzbrettern „spontan geheilt“ dahin balancierten um möglichst schnell zur nächsten BBQ- oder Verpflegungsstation zu eilen.

Die seltsame Bus-Sitzplatz-Verknappung:

Dieses Phänomen habe ich erst jetzt als erstmaliger Kreuzschifffahrer kennen gelernt. Obwohl die Schiffs-Ausflug-Leitung laut Anmeldungen immer genau wusste, wie viele Busse bereit gestellt werden müssen – es fehlten immer Sitzplätze. Auch dies erfuhren wir von „Olga von der Wolga“, die anfangs an ihren Rechenkünsten zweifelte.

Rein rechnerisch hätte also die Anzahl der Busse stimmen müssen und trotzdem standen vor den Buseingängen noch einige herum und sagten der Bus sei voll. Wieder wurde nachgezählt. Es gab noch ein paar freie Plätze, aber da standen Rucksäcke darauf. Die jeweiligen Besitzer(innen) behaupteten sie würden den Sitz für ihren Partner, der noch kommt, freihalten. Dieser Partner saß aber schon längst im Bus – ebenfalls mit einem Rucksack als Beifahrer. Erkenntnis: Die meist älteren Ehepaare sind einfach zu korpulent (höflich ausgedrückt) für eine Bus-Sitzbank zu zweit.

Ob und wie Olga das Problem in den Griff bekommen hat, haben wir nicht erfahren. Ich rate Olga in Zukunft einen Bus mehr zu bestellen. Monika und ich nehmen jeden Tag durch das reichhaltige und köstliche Essen am Schiff zu. Bald brauchen wir auch jeder eine ganze Sitzbank im Bus wie die meisten der Mitpassagiere von der Kreuzfahrt-Schiff-„Mästerei.“

Fortsetzung folgt. Die MS Hamburg ist heute (10. Jan.) in Manaus – die Stadt mit dem prachtvollen Teatro Amazonas, der Dschungel-Oper – angekommen.

10. Januar 2018   Entwarnung!

Nein, ich brauche kein ganz weißes Hemd mit langen Ärmeln zum Captain´s Dinner! Die ganze Zeit hat Monika deswegen den Weltuntergang heraufbeschworen und jetzt reicht auf einmal mein zweites, langärmeliges, blau/weiß-gestreiftes Hemd. Es war auch in Manaus keine Zeit und Möglichkeit ein Hemd zu kaufen. Immer mussten wir brav wie einst im Kindergarten in der Busgruppe bei der „Stadtführung mit Opernbesuch“ beisammen bleiben. Es gab kein Entrinnen. Angeblich zu unserem Schutz vor kriminellen Überfällen. Statt Kindergartentanten waren es zwei kräftige Männer. Vorne ein angeblich deutschsprachiger Kroate als Führer und hinten extra für den Ausflug ein angeheuerter muskulöser Typ, der freundlich nötigend aufpasste, dass keiner zurück blieb. Beim Verlassen des Schiffs und bei der Rückkehr wurde man, d.h. die Bordkarte sogar gescannt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir uns abgeseilt hätten und nicht mit der Gruppe zurück gekehrt wären.

Der eigentliche Grund, warum ich plötzlich kein weißes Hemd mehr brauche, ist bestimmt der junge, charmante Peter, der Kreuzfahrt-Direktor (im Gala-Empfang-Foto mit weißen Smoking neben mir). Er saß bei der Stadt-Führung in Manaus in unserem Bus und seither verstehen sich Monika und er für meine Begriffe viel zu gut. Nichts ahnend habe ich die beiden auch noch fotografiert, obwohl ich weiß, dass Monika auf große Männer steht:

Monika meinte zwar, sie würde dies alles nur für mich machen, damit ich nicht meine Reise wegen meines schlimmen Outfits in einem Amazonas-Dampfer fortsetzen müsste. Eigentlich hätte ich gar nichts dagegen, wenn ich es recht bedenke. Ich beneide sogar die jungen Rucksack-Touristen wie ich sie im Hafen von Manaus an Bord gehen sah. Die erleben noch echtes Amazonas-Abenteuer in diesen bunten Freiluft-Schiffs-Schlafsälen:

(Danke Steffen für das Foto. Hast du deine Amazonas-Reise so gemacht?)

11. Januar 2018   Nicht nur unglaublich, auch verrückt …

Vorgestern die Besichtigung von Manaus, der legendären Kautschukmetropole inmitten des größten, tropischen Regenwaldes. Mit dem Geld der unermesslich reichen Kautschukbarone konnte sich die Stadt weitab der Zivilisation in der zweiten Hälfte des 19. Jh. alle technischen Neuerungen aus dem fernen Europa leisten. Es gab die erste elektrische Straßenbahn in ganz Südamerika. Sie bauten aber auch herrliche Villen und Paläste, darunter die großartige Oper:

Sie ließen für die Kronleuchter Murano-Glas aus Venedig und für die Portale Marmor aus Italien kommen. Die Treppengeländer sind aus feinstem, englischen Schmiedeeisen gefertigt. Unglaublich, sie ließen die Auffahrt der Oper mit Gummi-Pflastersteinen (Foto) belegen, damit die Zuhörer vom Lärm der anfahrenden Kutschen mit ihren damals noch eisenbeschlagenen Rädern nicht zu sehr gestört wurden. Ich finde dies „echt verrückt“ in Anbetracht, wie mühselig die versklavten Indianer um die Jahrhundertwende das „weiße Gold“ gewinnen mussten.

 

„Ich glaube, ich werde verrückt“ soll Alexander von Humboldt gesagt haben, als er auf seiner Amazonas/Orinoko-Reise jeden Tag neue tropische Pflanzen und Tiere in großer Fülle entdeckte, die man zu dieser Zeit in Europa noch nicht kannte. Es gibt viele Orte in der Welt, die mit seinem Namen zusammen hängen. Bisher wusste ich nicht, dass er auch im Amazonasgebiet seine Forschungen betrieb. Dies habe ich erst heute zusammen mit Monika bei einem sehr informativen Vortrag von einer Schiffs-Lektorin über das Leben und die Reisen Humboldts erfahren. Unglaublich dachte ich, wie kann man nur im Gehrock und Stehkragen in einem Urwald-Labor bei dieser schwülen Hitze hier arbeiten, als ich die alten, wunderbar detaillierten Bilder sah, die Humboldts Reisegefährte von ihm und der Fauna und Flora Amazoniens zeichnete. Ich bekomme schon am frühen Morgen, wenn wir auf das Oberdeck zum Frühstücken gehen, Schweißausbrüche beim Fotografieren der vielfältigen Insektenwelt, die sich über Nacht angelockt von der Schiffsbeleuchtung, an Deck niedergelassen hat. Als 12-jähriger, als ich als jüngstes Mitglied eines entomologischen Vereins begann Insekten zu sammeln, wäre ich beim Anblick dieser bizarren Käfer und riesigen Falter am Amazonas vielleicht auch „verrückt“ geworden. Um dieses „Gesicht“ oder eine Indianermaske auf der folgenden umgekehrten Falter-Fotografie zu erkennen, muss man nicht verrückt sein. Oder?

 

„Unglaublich, das ist ja ganz verrückt,“, dachte ich, als ich nach dem ernsthaften Humboldt-Vortrag laut Tagesprogramm zum „Frühschoppen“ auf das mit Palmwedeln geschmückte Pool-Deck kam. Die spinnen doch! Mitten am Amazonas ein in Dirndln und Lederhosen gekleidetes Bordpersonal, welches Freibier ausschenkte und an langen Tischen Spanferkel, Weißwürste, Brezeln und Sauerkraut anbot.

Auch einige Passagiere waren Oktoberfest mäßig gekleidet. Woher wussten die das? Unglaublich! Muss man jetzt auf einer Kreuzfahrt auch noch die Lederhosen einpacken?

Unsere zwei unterhaltsamen Berliner Ehepaare, ohne die unsere Reise sehr langweilig gewesen wäre, hatten uns Plätze an ihrem Tisch frei gehalten. Als sich später die „Wolga-Olga“ mit ihrem prallen Dirndl zu uns gesellte, bat ich einen Gast vom Nebentisch dieses ungeheuerliche Paradoxum – Dirndl am Amazonas (das Amazonasufer im Hintergrund) – fotodokumentarisch fest zu halten.

Später kam noch der Bordfotograf im Gefolge der obersten Schiffsmannschaft vorbei. Dabei entstand dieses Beweis-Foto:

Unzweifelhaft ist zu sehen wie eng das Verhältnis von Monika mit Peter, dem Kreuzfahrt-Direktor ist. Die beiden haben sich prächtig unterhalten, während ich mit dem russischen Kapitän Igor neben mir außer „Prost“ und „Nastrovje“ kaum ein Wort sprechen konnte. Dafür habe ich mich mit Olga und ihrem rollenden R, umso besser verstanden. Ich werde ernsthaft überlegen, ob ich morgen an Bord zu ihrem Muskelentspannungs-Kurs mit persönlicher Anleitung gehe.

    1. Januar 2018    Diebe und Schläger an Bord der MS Hamburg

Wir sind sehr erstaunt über die vielen egoistischen Kreuzfahrer auf dem Schiff, die sich über alle Anordnungen und Anstandsregeln hinweg setzten. Sämtliche Liegestühle am Pool sind schon vor dem Frühstück belegt und im obersten Deckrestaurant glaubten vorwiegend gut genährte Passagiere in Badekleidung sitzend, sie seien eine Augenweide für die anderen Gäste. Oder bräuchten aus einer Notlage kurz vor dem Verhungern nicht noch schnell einen Umhang anzuziehen, wenn sie an der Menü-Theke Sonnenöl glänzend die letzten Mangofrucht-Stückchen weg schnappen. An den Glastüren zum Restaurant waren gut leserlich Schilder angebracht, aber diese Spezies am Schiff scheint nicht mal lesen zu können.

Was wir jedoch am letzten Gala-Abend vom Kreuzfahrt-Direktor hörten – ausgerechnet an dem Tag als wir die „unzivilisierten“ Amazonas-Indianer besuchten – hätten wir auf der ehrenwerten MS Hamburg nicht für möglich gehalten. Es wurden aus den Bilderrahmen in den Schiffs-Fluren drei Bilder brachial aus den Rahmen heraus geschnitten. Von ihm hörten wir auch, dass auf einem der Schlauchboote für die Urwald-Ausflüge sich zwei Männer ihre Rucksäcke wegen eines Sitzplatzstreites um die Ohren geschlagen haben. Unsere eigenen Erfahrungen mit diesen aggressiven Zeitgenossen am Schiff und bei den Ausflügen decken sich leider. Traurig auch, dass er darum bitten musste, man solle zu ihm kommen, wenn es Beschwerden gäbe und nicht gleich lautstark das Bedien-Personal anbrüllen.

Ach ja, und noch einer Spontan-Heilung konnten wir ansichtig werden. Sicher hat der Schamane vom Stamm der Huitoto-Indianer mitgewirkt. Eine mittelalterliche Jungfer mit ihrem Krückstock, welcher man sonst an Bord höflicherweise den Vortritt ließ, folgte der Einladung zum Ritualtanz ohne Krücke mit so einer Beweglichkeit, dass ich ab jetzt wirklich an Wunder glaube. Leider hat sie mir durch ihr Mittanzen in der Indianergruppe mein Video versaut. Ich kann nicht mehr behaupten nur Monika und ich waren als einzige Weiße bei dem geheimnisvollen Dschungelritual dabei.

  1. Januar 2018    Ende der Amazonas-Kreuzfahrt

Wir sind mit sehr gemischten Gefühlen von Bord gegangen. Einerseits war alles an Bord genau geregelt und gut deutsch durchorganisiert (ein schaffiger Schwabe hat sich trotzdem aufgeregt, dass die Crew, welche für die Ausflugsboote zuständig war eine halbe Stunde Mittagspause gemacht hat. Deswegen sei er bei der Rückkehr noch in den einsetzenden, täglichen Tropenregen geraten). Das Essen war vorzüglich und vielfältig, es gab gute fachkundige Vorträge über alles was mit dem Amazonas zusammen hing. Das Personal soooo freundlich, besonders die lustige Alexandra aus der Ukraine. Mein kühles Weizen (Rotwein konnten wir uns nur selten leisten. Selbst Trinkwasser musste bezahlt werden.) stand schon ungeordert ab dem dritten Tag auf dem Tisch, sobald ich den Speisesaal betrat.

Es gab sogar Passagiere, die sich beschwerten, dass das Essen sich laufend wiederhole, obwohl zwei Speisekarten pro Tag (mittags u. abends) aufgelegt wurden mit jeweils 7! Gängen mit je drei Variationsmöglichkeiten ohne „oder“.  Einer am Tisch hat die ganze Speisekarte vom Anfang bis Ende gegessen, weil er sich nicht lange entscheiden wollte und dies in einer Zeit in der ich gerade eine Vorspeise und das Hauptgericht hinter mich brachte. (Das Dessert hat mir Monika mittlerweile verboten, weil ich nach ihrer Ansicht schon zu viel Bauch angesetzt habe!)

Andere beschwerten sich die Reise sei so langweilig, weil man nichts als grüne Ufer sieht. Eigentlich haben sie nicht Unrecht, wenn man die Welt aus der Sicht eines Passiv-Urlaubers betrachtet, die selten oder nie auf einem Ausflug oder einem Vortrag zu sehen waren. Immer nur mit schweißglänzenden, nackten Oberkörpern an den Rauchertischen sitzend, meist mit einem Bier vor sich, hatten sie wahrscheinlich keinen Blick für die Indianerkinder, die mit ihren Kanus in den engeren Flusspassagen, wenn sie unser großes Schiff sahen, staunend mit großen Augen und scheuem Winken möglichst nahe heran gepaddelt kamen. Diese Typen  haben sicher nicht die dampfenden Morgennebel zwischen den Baumkronen der riesigen Urwaldbäume und die spektakulären Sonnenuntergänge eines tropischen Wolkenhimmels richtig wahrgenommen.

Zugegeben, die Indianerkinder und der ständig wechselnde Himmel waren auch das einzig Echte während der Amazonasfahrt der MS Hamburg, die unter den Titel: „Der Amazonas – unberührt & geheimnisvoll“ viel versprechend angetreten war.

Die angebotenen Ausflüge, z.B. Piranhas angeln, mit rosa Süßwasser-Delphinen schwimmen, Folklore-Shows, Indianer-Dorf besuchen waren aus unserer Sicht zusammen mit bis zu 100 fast nur deutschsprachigen Touristen in keinem Verhältnis von Preis und Leistung. So haben es auch unsere Tischnachbarn empfunden, die als Lufthansa-Flugkapitain i.R. oder Anwalt, Arzt/Ärztin, fast alle Ausflüge schon von Deutschland aus gebucht und sicher auch eine viel besser gefüllte Reisekasse hatten als wir. Wir haben nur zwei Ausflüge mitgemacht: Die Stadtführung in Manaus mit Opernbesuch und den Besuch eines angeblich „echten“ Indianerdorfes. Obwohl es hieß „gute körperliche Kondition und gutes Schuhwerk“ sei Voraussetzung, überfielen sicher zehn mal mehr Badeschlappen-Touristen das Dorf als es Einwohner hatte.

Monika und ich können uns beglückwünschen, dass wir uns nach der Ausschiffung von der MS Hamburg noch drei Tage in Iquitos in ein „Dschungel-Hotel“ einquartiert haben. Monika nannte es zwar „Bruchbude mit Charme“. Im Bad floss selten Wasser. Wenn doch, war es so braun wie das Wasser des Amazonas. Dafür stand nach jedem Tropenregen unser Bett im Wasser. Irgendwann gab ich es auf die vielen mehrbeinigen und -flügeligen Mitbewohner mit dem Zahnputz-Glas lebend zu fangen und auf der großen Terrasse ihnen die Freiheit zurück zu geben. Es zirpte und summte die ganze Nacht. Doch das naiv-freundliche Personal, die uns wahrscheinlich ebenso für Exoten aus einer anderen Welt hielten, gab sich alle Mühe unsere Unterkunft bewohnbar zu halten. Wir bekamen tolle Tipps, was wir in dem noch sehr ursprünglichen Amazonas-Ort, welcher nicht auf dem Landweg erreichbar ist, alles unternehmen können. Wir erlebten in nur drei Tagen zusammen mit Einheimischen ein Amazonien, welches die Passagiere auf der MS Hamburg in mehr als zwei Wochen auch für teuerstes Geld nicht zu Gesicht bekamen.

Nun ja, eine drei Meter Anaconda-Schlange unfreiwillig um den Hals gelegt zu bekommen oder eine Gesichts-Bemalung vom Häuptling mit roter, kaum mehr abwaschbarer Pflanzenfarbe zur rituellen Aufnahme in den Stamm der Yagua-Indianer zu erhalten – wie bei Monika im nächsten Foto – ist auch nicht jedermanns Sache.

Abschließend ein paar spontane Fotobeiträge, die ich mangels guter Internet-Verbindung erst in Lima, der Hauptstadt Perus ins Facebook „gepostet“ habe. Sie können nur zur Vorstellung anregen, was wir nach der MS Hamburg erleben durften. Was macht´s, wenn viel Schweiß, Schlamm und Mückenstiche diese Tage dominierten.

21. Januar 2018  Mein Amazonas-Jugendtraum ist ausgeträumt – Rückflug nach Lima – zurück in die „Zivilisation“.

PS.: Während ich das Wort Rückflug schreibe, fällt mir ein: Ich finde es ja prima, dass Monika bei unseren Reisen immer Reiseland-spezifische Literatur auf ihr E-book lädt. Aber während wir auf dem kleinen Flughafen in Iquitos auf die Maschine über die Anden nach Lima warteten, lasen wir ausgerechnet gemeinsam im Buch: „Als ich vom Himmel fiel“. https://www.amazon.de/Als-ich-vom-Himmel-fiel/dp/3890293891 Genau auf der gleichen Flugroute überlebte als Einzige ein 17-jähriges Mädchen den Flugzeug-Absturz aus 3000 m im Gewittersturm über dem Urwald. Zu Hause mag es spannend sein zu lesen, wie sich das Mädchen 11 Tage lang durch die „grüne Hölle“ kämpfte. Am selben Ort aber – ich gebe zu, ich hatte das erste Mal weiche Knie, als wir über das Rollfeld zum Flugzeug gingen und eine schwarze Gewitter-Wolkenwand begann den Himmel zu verdunkeln …

  • Eva Lehmann
    3. Januar 2018

    Zuallererst sage ich: Hurra! und Herzlichen Glückwunsch! Rudis- Reise-Blog hat das Licht der Welt erblickt!!! Ich bin stolz darauf, dass mein Sohn Geburtshelfer sein durfte und freue mich auf viele, viele weitere deiner wunderbaren Reisegeschichten. Schön, dass deine Impressionen aus aller Welt, gespickt mit all den lustigen Details und Anekdoten, so wie garniert mit faszinierenden, Fernweh verursachenden Fotos, hier auf dem Blog nun alle versammelt sind.

    Und nun zu deiner Kleiderfrage, bzw. zu deinem „Hemdikap“: Bevor du an Piranhas verfüttert wirst, mach es doch einfach wie im Märchen von des Kaisers neue Kleider… geh wie Gott dich schuf und erzähle dem Kapitän und den Gästen am Tisch dein Hemd sei so außergewöhnlich, dass es nur von Personen gesehen werden könnte, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Viel Spaß! 🙂

    • Rudi
      Eva Lehmann
      3. Januar 2018

      Ich habe noch lange nicht alle Berichte „eingepflegt“. Das kommt noch nach und nach. Kannst aber stolz sein auf deinen Sohn. LG Papa

  • Monika und Klaus
    28. Januar 2018

    Wir haben die Reise richtig mit erlebt. Besonders das Madenessen! Guten Appetit! Erholt euch gut an der Cope Cabana. Und esst nicht soviel, vor allem keine Nachspeisen.

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